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Alles rund um Pippi Langstrumpf
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Pippi Langstrumpf als Pirat
Astrid Lindgren
 
 

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Pippi ist immer gut ... ein Interview mit Astrid Lindgren

» Interviews und Zeitungsartikel-Sammelsurium rund um Astrid Lindgren


Interview von Wolfgang Lechner | erschienen im ZEITmagazin am 09. Juni 1995

Vor fünfzig Jahren erschien in Stockholm Astrid Lindgrens Buch Pippi Långstrump und wurde zum erfolgreichsten Kinderbuch der Welt. Bis heute ist es in 38 Sprachen erschienen.

Wir fragten die Autorin selbst: "Was ist aus Pippi geworden?"


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Wolfgang Lechner:
Frau Lindgren, am Ende von "Pippi im Taka-Tuka-Land" schlucken Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Thomas und Annika Krummeluspillen, damit sie nie erwachsen werden. Allerdings lassen Sie offen, ob diese Pillen tatsächlich wirken. Nehmen wir einmal an, sie wirken nicht, wie geht dann die Geschichte weiter? Was wird aus Pippi Langstrumpf?

Astrid Lindgren:
Keine Angst, die Pillen wirken. Pippi wird nie älter als neun Jahre.

Wolfgang Lechner:
Sie wird nie älter?

Astrid Lindgren:
Nein. Sie bleibt neun Jahre alt. Und ebenso stark und ebenso frech.

Wolfgang Lechner:
Und phantasievoll?

Astrid Lindgren:
Natürlich! Neun Jahre ist ein herrliches Alter! Sagt man das Alter oder die Alter?

Wolfgang Lechner:
Das Alter

Astrid Lindgren:
Und du kannst mir glauben: Es geht mit größter Schnelligkeit, und plötzlich bist du 87.

Wolfgang Lechner:
Was wäre passiert, wenn Pippi älter geworden wäre? Wäre das so schlimm?

Astrid Lindgren:
Das kann ich mir nicht vorstellen. Das geht nicht. Sie muß neun Jahre alt bleiben. Und wenn sie plötzlich 35 Jahre alt wäre, wäre sie nicht glücklich. Pippi wäre nicht Pippi, wenn sie plötzlich älter wäre.

Wolfgang Lechner:
Geht Ihnen das mit all Ihren Figuren so? Daß Sie sich nicht vorstellen können, daß sie älter werden?

Astrid Lindgren:
Nein! Emil - oder Michel, wie er in der deutschen Übersetzung heißt -, er wird Kommunalbeamter. Er wird älter. Nur Pippi bleibt so, wie sie ist.

Pippi als Seeräuber
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© 2007 Junior.TV GmbH & Co. KG
Schnappschuss aus der
TV-Serienbox Pippi Langstrumpf

Wolfgang Lechner:
Aber Pippi wollte doch Seeräuberin werden? Sie hat es sich doch selbst gewünscht, älter zu werden, damit sie endlich die Meere unsicher machen kann!

Astrid Lindgren:
Sie kann ruhig Seeräuber sein, ohne älter zu werden. Pippi wird nicht älter, und sie will auch nicht älter werden. So ist das.

Wolfgang Lechner:
Aber sie lebt weiter? Pippi ist unsterblich?

Astrid Lindgren:
Ja. Und Pippi lebt in ihrer eigenen Welt. Das ist das Kinderleben, und das bleibt. Die anderen Menschen können sich ändern. Aber Pippi, Thomas und Annika bleiben neun Jahre alt.

Wolfgang Lechner:
Und sie bleiben Freunde?

Astrid Lindgren:
Ja.

Wolfgang Lechner:
Und wie lange reicht Pippis Goldschatz noch? Sie ist ja sehr großzügig damit!

Astrid Lindgren:
Ich bin sicher, daß sie von ihrem Vater neue Goldmünzen kriegt, wenn sie welche braucht.

Wolfgang Lechner:
Pippis Vater bleibt auch so, wie er ist? So stark? Wird er auch nicht älter?

Astrid Lindgren:
Ich weiß nicht, ob er älter wird. Das kann ich nicht so sicher sagen. Aber Pippi bleibt neun.

Wolfgang Lechner:
Und ihr Vater bleibt König von Taka-Tuka-Land? "Südseekönig" ist doch kein besonders gefragter Beruf mehr!

Astrid Lindgren:
Nein, das ist ganz unmöglich, heutzutage!

Wolfgang Lechner:
Und Seeräuber auch!

Astrid Lindgren:
Nein, Seeräuber kann er wohl sein! Sonst müsste er am Ende noch Kommunalsteuern bezahlen. Und davor hatte schon Pippi Angst!

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Wolfgang Lechner:
Und wie stellt man das an, nicht älter zu werden? Was ist Pippis Geheimnis?

Astrid Lindgren:
Da muss man diese Krummeluspillen nehmen. Das ist die einzige Möglichkeit, die es gibt. Aber die Pillen wirken nur bei Menschen wie Pippi, Thomas und Annika. Es geht nicht bei anderen Menschen.

Wolfgang Lechner:
Warum?

Astrid Lindgren:
Weil Pippi so stark ist, aber mit ihrer Stärke nur Gutes tut. Weil sie so ein gutes Herz hat. Ja, das hat sie: ein gutes Herz. Und sie ist niemals wirklich böse. Das ist sie nicht. Sie ist immer gut.

Wolfgang Lechner:
Und die Eltern von Thomas und Annika, was ist aus denen geworden?

Astrid Lindgren:
Das möchte ich auch gerne wissen.

Wolfgang Lechner:
Also, manchmal möchten Sie auch gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht?

Astrid Lindgren:
Ja, das wäre schön!

Wolfgang Lechner:
Nun hat sich Pippi immer schon um gequälte Tiere und um arme Kinder gekümmert! Wenn sie tatsächlich weiterlebt, dann hat sie wohl viel zu tun heutzutage?

Astrid Lindgren:
Oh ja! Viel mehr denn je! Davon sollten wir gar nicht sprechen, sonst fangen wir an zu weinen!

Wolfgang Lechner:
Vielleicht wäre Pippi bei Greenpeace und würde sich für die Umwelt engagieren?

Astrid Lindgren:
Ja, das könnte sein! Aber sie bleibt in der Villa Kunterbunt. Es gibt ziemlich viel zu tun, auch in unserer Nähe.

Wolfgang Lechner:
Die Villa Kunterbunt also als Umweltschutzzentrale? Oder als Tierheim?

Astrid Lindgren:
Ja. Sie hat ja auch dem Mann, der sein Pferd geschlagen hat, das Pferd weggenommen.

Wolfgang Lechner:
Und Thomas und Annika sind zwar ihre besten Freunde, aber sie kümmert sich auch immer wieder um andere Kinder. Macht Pippi die Villa Kunterbunt zu einem Heim für elternlose Kinder?

Astrid Lindgren:
Nein, sie kann ein neues Haus für diese Kinder bauen! Die Villa Kunterbunt braucht sie schon für sich selbst! Sie kann nicht das ganze Haus voll mit Kindern haben.

Wolfgang Lechner:
Sie baut mit ihrem Goldschatz also ein großes Kinderheim in der Nähe?

Astrid Lindgren:
Ja, das macht sie wohl! Das hoffen wir!

Wolfgang Lechner:
Nüchtern betrachtet ist Pippi selbst doch ein armes, bemitleidenswertes Kind. Verwahrlost

Astrid Lindgren:
Verwahrlost? Ich finde nicht, daß sie verwahrlost ist!

Wolfgang Lechner:
Aber sie lebt ohne Mutter, ihr Vater kommt nur hin und wieder zu Besuch. - Wie schafft Pippi das alles? Wie schafft sie es, immer genau zu wissen, worauf es ankommt? Was gut und richtig ist?

Astrid Lindgren:
Das schafft man in Büchern. Vielleicht nicht in der Wirklichkeit. Aber in einem Buch kann alles passieren. Alles! Verrückt oder nicht verrückt oder gut oder nicht gut, alles kann passieren in einem Buch. Und der Verfasser kann das nicht erklären.

Wolfgang Lechner:
Wussten sie eigentlich von Anfang an, daß Pippi so alt bleiben würde? Oder hat das etwas damit zu tun, daß diese Welt immer schwieriger wird für Menschen, die älter als neun Jahre sind?

Astrid Lindgren:
Ich habe überhaupt nicht an große Menschen gedacht, als ich "Pippi Langstrumpf” schrieb. Ich war nur mit Pippi beschäftigt.

Wolfgang Lechner:
Sie haben das Buch nicht auch ein bißchen für Erwachsene geschrieben, für Eltern?

Astrid Lindgren:
Nein, nein, überhaupt nicht, das kann ich Ihnen versichern!

Wolfgang Lechner:
Aber Erwachsene können doch so viel lernen aus dem Buch?

Astrid Lindgren:
Ja, das ist gut, wenn sie das tun. Aber ich habe keine andere Absicht gehabt, als mich selbst zu amüsieren.

Wolfgang Lechner:
Haben sie jemals daran gedacht, Pippis Geschichte weiterzuerzählen? Ein viertes Pippi-Langstrumpf-Buch zu schreiben?

Astrid Lindgren:
Nein, bestimmt nicht. Ich kann keine Bücher mehr schreiben mit diesen Augen. Nein! Und ich habe ja so viel geschrieben. Jetzt muss ich fertig sein! Ich habe alles erzählt, was ich erzählen möchte … musste … wollte. Eines Tages muss man doch aufhören!

Wolfgang Lechner:
Ist das nun bewundernswerte Ruhe, der Friede des Alters? Oder ist es Resignation?

Astrid Lindgren:
Ja, ich weiß nicht! Das weiß ich nicht. Sie fragen so viel, was ich nicht beantworten kann! Nein, ich bin mit den Tagen und Jahren ganz vergnügt, und ich sitze nicht da und weine und sage: "Oje, jetzt bist du wieder einen Tag älter geworden!”, sondern ich nehme das mit aller Ruhe.

Wolfgang Lechner:
Sie haben sehr früh angefangen, auch für andere Medien zu schreiben: nicht nur Bücher, sondern auch Film- und Fernsehdrehbücher. "Ferien auf Saltkrokan” zum Beispiel gab es zuerst als Film und später erst als Buch. Jetzt arbeiten sie noch an den Dialogen für einen "Pippi Langstrumpf”-Zeichentrickfilm. Sie haben also keine Angst, daß Kinder heute verlernen könnten, Bücher zu lesen?

Astrid Lindgren:
Diese Angst hat man in Schweden überhaupt nicht. Die Bibliotheken verleihen mehr Bücher denn je. Ich glaube, das Buch wird überleben. Kinder lesen doch gerne!

Wolfgang Lechner:
Aber sie sehen auch gerne fern!

Astrid Lindgren:
Mein Gott, wie viele schreckliche Dinge die Kinder im Fernsehen sehen müssen! Das ist so schrecklich, das ist nicht für Kinder geeignet, das ist … ich weiß nicht für wen. Neulich, ich machte den Apparat an, und es war Krieg. Ein authentischer Krieg. Das war so schrecklich! Es war acht Uhr abends, und da schlafen Kinder doch noch nicht! Und dann sitzen sie vor dem Fernseher und sehen, wie brutal Menschen zueinander sein können. Das finde ich, ist das Schrecklichste, was es gibt. Da könnte man weinen, wenn man das sieht! Und danach gab es einen Film über Haustiere. Die meisten Bauern in Schweden sind sehr gut zu ihren Tieren. Aber es gab auch andere Beispiele in diesem Film. Oh! Schrecklich war das!

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Wolfgang Lechner:
Nicht nur Pippi Langstrumpf kämpft in Ihren Geschichten gegen Tierquälerei. Auch Sie selbst haben in der schwedischen öffentlichkeit immer wieder Stellung für den Tierschutz bezogen. Durch Ihre Initiative hat es sogar Verbesserungen für die Tiere gegeben.

Astrid Lindgren:
Ja, das hat es. Ich habe ein neues Tierschutzgesetz zu meinem 80. Geburtstag bekommen. Da kam der Ministerpräsident und sagte, jetzt solle ich alles so bekommen, wie ich es wollte. Ich wollte zum Beispiel, daß die Schweine nicht auf dem harten, kalten Boden, sondern auf Stroh liegen sollten. Und Schafe müssen vor dem Scheren betäubt werden. Viele machen das auch ohne Betäubung, aber das ist schrecklich!

Wolfgang Lechner:
Es gibt also durchaus Dinge, die Sie in Ihrem Leben bewirkt haben - mit ihren Stellungnahmen und mit Büchern wie "Pippi Langstrumpf”?

Astrid Lindgren:
Aber es gab auch sehr viele Menschen, die das Buch nicht aushalten konnten. Ein Professor, mit dem ich später sehr gut befreundet war, hat in einer großen Zeitung hier einen Artikel über das Buch geschrieben und gesagt, wenn dieses Buch irgendeinen Eindruck hinterlässt, dann ist es der Eindruck von etwas Wahnsinnigem, das an der Seele kratzt.

Wolfgang Lechner:
Und hat er seine Meinung noch geändert?

Astrid Lindgren:
Ein bißchen. Aber er ist schon lange tot. So weiß ich nicht, was er jetzt denkt.

Wolfgang Lechner:
Das Buch wird weiterleben, Pippi wird weiterleben…

Astrid Lindgren:
…auch wenn sie an der Seele kratzt.

Wolfgang Lechner:
Es gibt ja auch Seelen, denen das nicht schadet, weil sie hart und verkrustet sind.

Astrid Lindgren:
Ja, viele Seelen haben es nötig, ein wenig gekratzt zu werden.

Wolfgang Lechner:
Besonders die Seelen von Erwachsenen! Deshalb meine ich eben, daß Pippi Langstrumpf auch ein Buch für Erwachsene ist.

Astrid Lindgren:
Ja. Aber ich habe nicht diese Absicht gehabt, als ich das Buch schrieb. Ich habe es nur für mich selber geschrieben und auch für Kinder.

Wolfgang Lechner:
Und wie Erwachsene ihre Kinder behandeln, hat sich das verändert in Schweden, seit Sie Ihre Bücher geschrieben haben?

Astrid Lindgren:
Das weiß ich nicht. Die meisten haben ihre Kinder immer gut behandelt. Aber es gibt wohl viele, die ihre Kinder noch nicht gut behandeln, weil die Eltern zu viel trinken, und dann, aber das, glaube ich, ist in der ganzen Welt so. Aber es gibt ein Gesetz, das verbietet, Kinder zu schlagen. Ist das in Deutschland auch so?

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Wolfgang Lechner:
Ja.

Astrid Lindgren:
Dann ist es ja gut. Wissen Sie, es gibt diese Geschichte von einer Mutter, die ihren Sohn nie geschlagen hat. Aber einmal hat er etwas getan, und sie fand: Jetzt muß er Prügel haben. Und er sollte selber hinausgeben und eine Rute abschneiden, damit sie ihn prügeln könnte. Weinend ging er hinaus, und als als er wiederkam, sagte er: "Ich konnte keine Rute finden. Hier hast du einen Stein, den kannst du auf mich werfen!” Da fing die Mutter auch an zu weinen und nahm den Knaben in den Arm, und so haben sie zusammen geweint.

Wolfgang Lechner:
Ich glaube, diese Geschichte haben Sie auch in Ihrer Rede "Niemals Gewalt!” erzählt, als Sie 1978 in Frankfurt des Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielten. Diese Rede hat in Deutschland einen großen Eindruck hinterlassen. Sie wird noch immer viel zitiert.

Astrid Lindgren:
So? Das ist erfreulich zu hören!

Wolfgang Lechner:
Und viel zitiert wird auch ein Satz von Ihnen über Ihre eigene Kindheit, in dem Sie sagen: "Wir hatten Geborgenheit, und wir hatten Freiheit. Und das war genug.”

Astrid Lindgren:
Ich weiß nur, daß ich eine wunderbare Kindheit hatte.

Wolfgang Lechner:
Was war das Besondere an dieser Kindheit?

Astrid Lindgren:
Geborgenheit und Freiheit. Und daß mein Vater meine Mutter so sehr liebte. Sie hatten so viel miteinander zu tun, daß wir sehr viel Freiheit hatten. Wir konnten spielen und spielen und spielen.

Wolfgang Lechner:
Und auf Bäume klettern wie Pippi?

Astrid Lindgren:
Ja, das hat sie von mir. Ich bin immer auf Bäume geklettert und auf Dächer.

Wolfgang Lechner:
Auch daß sie diese Lügengeschichten erzählt - hat sie das auch von Ihnen?

Astrid Lindgren:
Ich lüge nicht. Gewöhnlicherweise lüge ich nicht. Nur wenn ich schreibe.

Wolfgang Lechner:
Hatten Sie als Kind auch so schlechte Manieren wie Pippi? Sie leidet ja selbst darunter, daß sie sich nicht zu benehmen weiß.

Astrid Lindgren:
Nein, das tat ich nicht. Es gab keinen Grund dazu. Wir hatten ein so wunderbares Kinderleben, daß wir keine Streiche zu spielen brauchten. Wir haben nur gespielt und sind glücklich gewesen.

Wolfgang Lechner:
Und war für Sie selbst diese Kindheit mit zehn Jahren zu Ende?

Astrid Lindgren:
Nein, das war sie nicht. Aber ich war nicht so glücklich wie Pippi, daß mein Leben plötzlich stillstand. Ich wurde doch älter.

Wolfgang Lechner:
Und Ihre Jugend war nicht so glücklich wie Ihre Kindheit?

Astrid Lindgren:
Nein, das finde ich nicht. Das war sie nicht. Das ist ein anderes Leben, wenn man vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre alt wird. Da haben alle jungen Menschen, glaube ich, sehr viele Schwierigkeiten.

Wolfgang Lechner:
Aber kann es sein, daß es zu Ihrer Zeit auch schwieriger war, als Jugendlicher frei aufzuwachsen?

Astrid Lindgren:
Ja, das kann sein. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es so wunderbar war, ein Kind zu sein. Und plötzlich konnte man nicht mehr spielen. Ich erinnere mich, wie traurig ich war, als ich verstand, daß es jetzt mit dem Spielen zu Ende war.

Wolfgang Lechner:
Wann war das?

Astrid Lindgren:
Mit zwölf, dreizehn, oder so. Ich hatte eine Freundin, die Enkelin unseres Pfarrers. Sie kam mit ihrer Familie jeden Sommer zu ihrem Großvater und wohnte da und wir spielten jede Minute, wir spielten den Inhalt von Büchern und alles, alles. Und plötzlich, in einem Jahr, als sie zu mir kam und wir spielen wollten, ging es nicht. Und ich glaube, wir waren vielleicht elf, zwölf Jahre alt.

Wolfgang Lechner:
Mußten Sie da auch Pflichten übernehmen, in der Familie?

Astrid Lindgren:
Nein, nicht so viele. Nicht so, daß es uns am Spielen hätte hindern können. Das waren nicht solche Hindernisse, sondern das kam von uns. Wir konnten es nicht mehr.

Wolfgang Lechner:
Und als Sie dann mit neunzehn Jahren Ihren Sohn bekommen haben, hat doch eine sehr schwierige Zeit für Sie begonnen.

Astrid Lindgren:
Ja, das war auch schwierig.

Wolfgang Lechner:
Und damit war auch Ihre Jugendzeit endgültig vorbei?

Astrid Lindgren:
Ja.

Wolfgang Lechner:
Sie mussten Ihren Sohn dann zu Pflegeeltern nach Kopenhagen geben, während sie selbst in Stockholm lebten?

Astrid Lindgren:
Ja, aber nicht so, wie man vielleicht glaubt. Ich fuhr nach Kopenhagen, wenn es nur möglich war!

Wolfgang Lechner:
Aber Sie konnten Lars erst fünf Jahre später zu sich nehmen, nachdem Sie geheiratet hatten. Sind Sie sehr bitter, wenn Sie an diese schwierige Zeit zurückdenken?

Astrid Lindgren:
Bitter? Nein! Ich hatte doch meinen Sohn, den ich sehr, wahnsinnig liebte. Das wär' schrecklich, wenn ich ein ganzes Leben bitter wäre!

Wolfgang Lechner:
Sind Sie glücklich?

Astrid Lindgren:
Ja, das glaube ich, das bin ich. In meinem Alter ist man ja verrückt.

Wolfgang Lechner:
Warum? Warum verrückt?

Astrid Lindgren:
Das weiß ich nicht. Falls ich es wüsste, dann wäre ich nicht verrückt.

Wolfgang Lechner:
Waren Sie in Ihrem Leben meistens glücklich?

Astrid Lindgren:
Ja, das finde ich. Es kommt darauf an, was man mit glücklich meint. Ich hatte ein sehr interessantes Leben. Vielleicht waren nicht alle Stunden gleich glücklich, aber es gab keine tote Stunde.

Wolfgang Lechner:
Haben Sie das Gefühl, daß Sie Ihren Kindern auch diese glückliche Kindheit geben konnten, die Sie selbst als Kind hatten?

Astrid Lindgren:
Das kann ich nicht sagen. Mein Mann ist früh gestorben. Und wenn man in einer Wohnung in der Stadt wohnt, kann es nie dasselbe sein wie auf dem Lande. Aber ich glaube, daß sie doch eine glückliche Kindheit hier hatten.

Wolfgang Lechner:
Sie glauben, daß Kinder nur auf dem Land so glücklich sein können, wie Sie waren?

Astrid Lindgren:
Ja, das finde ich. Meine Kinder waren zwar oft im Sommer auf dem Land, aber das ist nicht das gleiche, wie als Bauerskind aufzuwachsen. Ich meine nicht, daß alle solchen Kinder glücklich sind. Es gibt überall unglückliche Kinder. Aber wir hatten eine so schöne Kindheit!


© Wolfgang Lechner - ZEITmagazin (1995)





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Heinrichs Tochter
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