Kennen Sie Inger Nilsson?
Natürlich, denn seit mehr als 30 Jahren erscheint sie in schöner Regelmäßigkeit auf den Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden rund um den Globus: als Pippi Langstrumpf.
Reich ist die heute 42-Jährige durch ihren frühen Ruhm nicht geworden, im Gegenteil: Der einstige Kinderstar schlägt sich mit allerlei Jobs abseits der Bühnen durch.
In Xavier Kollers Tucholsky-Film "Gripsholm" spielt sie eine kleine Nebenrolle. Es ist ihr erster Kinoauftritt seit der letzten Pippi-Produktion von 1970.

Inger Nilsson
als "Frau Andersson"
in dem Film "Gripsholm"
|
SPIEGEL ONLINE:
Frau Nilsson, in
"Gripsholm" spielen Sie neben Heike Makatsch, Jasmin
Tabatabai und Ulrich Noethen die Haushälterin Frau Andersson - Ihr
erster Kinoauftritt seit den weltberühmten
Pippi-Langstrumpf-Filmen...
Inger Nilsson:
Das stimmt. Es ist nur eine kleine Rolle, aber immerhin bin ich mal
wieder dabei.
SPIEGEL ONLINE:
Wie war's denn? Haben Sie noch Kontakt mit den Darstellern, zum
Beispiel mit Heike Makatsch?
Inger Nilsson:
Es hat sehr viel Spaß gemacht, wieder in einer so professionellen
Umgebung zu arbeiten. Kontakt mit den Darstellern habe ich weniger,
aber mit Jasmin Tabatabai, die eine der Hauptrollen spielt, stehe
ich im losen E-Mail-Kontakt. Aber sonst ist nicht viel an
Verbindungen übrig geblieben, was immer ein bisschen schade ist
nach so einem langen und aufwendigen Dreh.
SPIEGEL ONLINE:
Wussten die Kolleginnen und Kollegen denn über Sie und Ihre
Vergangenheit Bescheid?
Inger Nilsson:
Doch, das schon. Man hat ja zwischendrin sehr viel Zeit, in der man
wartet und miteinander redet. Auch abends am Kamin; aber man spricht
dann nicht so viel über die Vergangenheit, eher über die gegenwärtige
Situation im Filmbereich. Und die ist bei mir sehr schwierig.
SPIEGEL ONLINE:
Warum eigentlich?
Inger Nilsson:
Die Pippi-Figur ist einfach an mir kleben geblieben, bis heute. Das
hat zumindest in Schweden dazu geführt, dass Regisseure gar nicht
erst auf die Idee gekommen sind, mir Rollen anzubieten. Selbst
Profis scheinen zwischen der Darstellerin Inger Nilsson und der
Astrid Lindgrens Figur keinen Unterschied machen zu können. Auch
nach 30 Jahren nicht, so lange ist die letzte Verfilmung ja
inzwischen her.
SPIEGEL ONLINE:
Das klingt ziemlich
widersinnig.
Inger Nilsson:
Ist es auch. Ich
erlebe es heute noch, dass Zuschauer nach einer Theater-Vorstellung,
in der ich eine schillernde Figur gespielt habe, zu mir kommen und
sagen: 'Das wollen wir aber nicht - dass unsere Pippi so rumflucht.'
Es kann auch den einen oder anderen Filmemacher und Theaterboss
geben, der Angst hat, einen Teil seiner Kindheit auszulöschen,
indem er mich engagiert: Ich bin dann ja nicht mehr Pippi - das
wollen viele offenbar immer noch nicht zulassen. Und dagegen habe
ich auch noch kein wirksames Mittel gefunden.
SPIEGEL ONLINE:
Wovon leben Sie denn gerade?
Inger Nilsson:
Eben nicht nur von der Schauspielerei. Ich mache alle möglichen
Jobs, von der Sekretärin bis zur Sprecherin für Werbespots und
Kinderfilme. Ab und zu spiele ich auch in Kasernen als so genannte
Feld-Schauspielerin, obwohl ich von Haus aus mit dem Militär eher
gar nichts am Hut habe. Es kann dann passieren, dass man eines Tages
im Kosovo vor Uno-Soldaten auftritt. Diese vielen Jobs sind mitunter
ganz schön hart. Aber auch in Stockholm kann man nicht vor sich hin
warten. Man muss was tun. In der Branche ändern sich die Dinge zum
Glück immer wieder schnell: Lange kommt nichts, und dann wieder
alles auf einmal.
SPIEGEL ONLINE:
Es verblüfft, dass
ausgerechnet Sie diese Höhen und Tiefen des Gewerbes durchleben müssen.
Inger Nilsson:
Na ja, ich bin halt
nicht an den Theatern und anderen Orten gewesen, an denen man hätte
sein müssen, um sich zu etablieren. Es ist die ständige Suche nach
der nächsten Chance, das ist für alle Schauspieler gleichermaßen
schwierig, und für mich eben ganz speziell, weil jeder weiß, wer
ich bin.
SPIEGEL ONLINE:
Vielleicht führt ja nun "Gripsholm" zu mehr Feedback.
Inger Nilsson:
Ich weiß gar nicht,
ob ich da groß bemerkt werde. Wäre ja schön. Ich würde gerne
einmal eine brisante oder tragische Figur vor einem größeren
Publikum spielen. Man darf die Hoffnung nie aufgeben.
© SPIEGEL ONLINE 2000 (von Lasse Dudde)