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Alles rund um Pippi Langstrumpf
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Pippi Langstrumpf als Pirat
Astrid Lindgren
 
 

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Gegen die Welt der Erwachsenen ... ein Gespräch mit Astrid Lindgren

» Interviews und Zeitungsartikel-Sammelsurium rund um Astrid Lindgren


© ASTRID SURMATZ 1996


Astrid Lindgren - Zum Donnerdrummel
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ASTRID SURMATZ:
Pippi Langstrumpf ist über fünfzig Jahre alt, und das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt ähnlich lange zurück. Welche Einstellung hatten Sie zu Deutschland während des Krieges?
 
ASTRID LINDGREN:
Vor allem denke ich dann an Hitler. Ich werde so verdammt wütend, wenn ich an diesen Hitler denke. Einfach furchtbar. Und überall taucht er im Moment auf.
 
ASTRID SURMATZ:
Sie meinen, dass der Weltkrieg so viel in den Medien behandelt wird?
 
ASTRID LINDGREN:
Genau, und die ganzen Erinnerungen an diese Zeit werden wieder wach. Eine schreckliche Zeit war das. Wie alt sind Sie eigentlich? Sie können natürlich nicht wirklich wissen, wie es damals war, alle schlechten Nachrichten, die ständig hereinströmten, und wie es draußen in Europa zuging, und die Essensrationierungen und so weiter. Es ist so bedrückend, darüber nachzudenken. Dass dieser Hitler ein ganzes Volk ausrotten würde ... Doch dann nahm er sich in einem Bunker das Leben - vielleicht war es kein Vergnügen mehr, in dieser Situation Hitler zu sein. Für ihn war es wie eine Bagatelle, den Krieg anzuzetteln und in Frankreich einzumarschieren.

Und die Einberufungen und die deutschen Truppentransporte durch Schweden ... Unsere Rolle war nicht immer rühmlich - und die Zensur und die Rationierungen. Das war wie abgeschnitten vom normalen Leben.
 
ASTRID SURMATZ:
Sie hatten während des Krieges in der schwedischen Briefzensur gearbeitet?
 
ASTRID LINDGREN:
Ja, damals musste man schwören, dass man nie auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlieren würde, aber das war ja damals. Also, ich glaube, das war so die Zeit zwischen 1940 und 1945. Wir waren eine große Anzahl Angestellter, mehrere hundert, und auch aufeinander angewiesen, weil wir nichts nach außen weitergeben durften. Vielleicht hatten wir auch deshalb einen guten Zusammenhalt. Wir mussten die ganze Militärpost überprüfen, da die Armisten nicht weitergeben durften, wo sie stationiert waren. Wir hielten die Briefe dann zurück; ich nehme an bis an das Kriegsende, wo die Briefe dann ausgehändigt wurden. Und wir mussten - wie gesagt - schwören, dass wir nie etwas darüber nach außen tragen würden.

Außerdem habe ich während des Krieges für den Kriminologen und Dozenten Harry Söderman gearbeitet. Söderman hatte einen jungen Mitarbeiter, Professor Katz, der Jude war und sehr viel Angst um seinen Bruder hatte, der in Deutschland lebte. In Schweden gab es zu der Zeit viele Menschen, die täglich versuchten, nach Deutschland zu telefonieren, um sich nach ihren Verwandten zu erkundigen. Eines Tages wurde der Bruder verhaftet und kam ins KZ; seine Frau erlitt einen Schlaganfall und starb, vielleicht hat ihr das manches erspart. Ja, so waren die Zeiten.
 
ASTRID SURMATZ:
Gab es neben der äußeren Zensur auch so etwas wie innere Zensur, in dem Sinne, dass Autoren sich Selbstzensur auferlegten?
 
ASTRID LINDGREN:
Sie meinen doch wohl nicht, dass Hitler einen so großen Einfluss hatte, dass man in Schweden bei jedem Handgriff auf ihn Rücksicht nahm? Kinderbücher jedenfalls konnte man schreiben, wie man wollte, er war ja verdammt noch mal kein Herrscher über Schweden. Als ich das Manuskript zu Pippi Langstrumpf beim Bonnier-Verlag einreichte, war das im Grunde eine andere Welt. Über die Politik hier zu Hause oder in der Welt habe ich mich nicht gekümmert, wenn ich für Kinder schrieb. Ich lebte in der Welt des Kindes, das nichts von Hitlers Existenz weiß, obwohl ich das natürlich wusste.
 
ASTRID SURMATZ:
Hat denn der Starke Adolf in der Zirkusszene, den Pippi so glorreich besiegt, etwas mit Hitler zu tun, könnte das so eine Art ironischer Kommentar sein?
 
ASTRID LINDGREN:
Also ich glaube nicht, dass ich bewusst daran gedacht habe. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass ich diesen schrecklichen Hitler in meinem Kinderbuch haben wollte. Er durfte nicht einmal in die Nähe meines Buches kommen. Und man kann niemandem so übel wollen, dass man ihn nach Hitler benennen würde.
 
ASTRID SURMATZ:
Dann gibt es noch die Szene mit dem Kaffeeklatsch. Ich habe das als Einwurf gegen disziplinierende, militärisch geprägte Erziehung gedeutet.
 
ASTRID LINDGREN:
Also erst einmal ist das ein Spiel, das Pippi vom freien Leben auf den sieben Meeren mitgebracht hat. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, also greift sie darauf zurück und spitzt damit die Situation zu. Das ist ihre Art, mit den Erwachsenen umzugehen, ohne dass sie groß darüber nachdenkt. Aber indirekt schon.
 
ASTRID SURMATZ:
Wie hat sich Ihre Einstellung Deutschland gegenüber mit dem Kriegsende verändert? Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass Sie sich kritisch über deutsche Touristen geäußert haben, nicht zuletzt, weil sie die Stockholmer Schäreninseln heimsuchen und teilweise aufkaufen?
 
ASTRID LINDGREN:
Also direkt so denkt man vielleicht nicht über die Deutschen, aber das ist schon ein Problem mit diesen großen Ländern. Deshalb habe ich mich auch gegen die EU ausgesprochen und gegen die EU-Mitgliedschaft Schwedens plädiert.
 
ASTRID SURMATZ:
In der Nachkriegszeit haben Sie sich aber dafür eingesetzt, dass Ihre Texte ins Deutsche übersetzt werden?
 
ASTRID LINDGREN:
Also, das war so: Da kam ein kleiner Mann zu mir in den Verlag, weil ihn jemand aus der Buchhandlung Kungsbokhandeln zu mir geschickt hatte. Dieser Mann war Friedrich Oetinger.
 
ASTRID SURMATZ:
War es nicht zuerst so, dass Sie sich selbst als Lektorin im Verlag für Ihre Bücher engagiert hatten? So weit ich weiß, haben doch fünf Verlage in Deutschland Pippi Langstrumpf abgelehnt?
 
ASTRID LINDGREN:
Das mag schon sein. Oetinger jedenfalls war vom Krieg gezeichnet. Er kam in den Kungsbokhandel, den es heute gar nicht mehr gibt. Der Buchhändler schickte ihn zu mir. Er sah aus wie ein Lumpengeselle und wollte eine Option auf Pippi Langstrumpf haben. Und ich hatte zu der Zeit ja auch von nichts eine Ahnung, das war ja ein völlig unbekannter Verlag, der vielleicht nicht zu den besten zählte.
 
ASTRID SURMATZ:
Hat denn der Erfolg in Deutschland die internationale Verbreitung gefördert?
 
ASTRID LINDGREN:
Da gab es keine besondere "connection". Die englische und französische Übersetzung erschienen erst viel später.
 
ASTRID SURMATZ:
Haben Sie selbst auf die Übersetzung von Pippi Langstrumpf Einfluss genommen?
 
ASTRID LINDGREN:
Das war eine schwierige Geschichte, aber letztendlich war sie [die Übersetzerin Cäcilie Heinig] die Deutsche.
 
ASTRID SURMATZ:
Wie sieht es denn mit dem Namen bei Emil aus? Einige Erklärungen gibt es ja in Bezug auf Rousseaus Emile, oder dass jemand in Ihrer Familie so heißt?
 
ASTRID LINDGREN:
Das ist schwer zu sagen. Es gibt jemanden in meiner Familie, der diesen Namen trägt. Aber ich weiß sehr wohl, dass Emil in der deutschen Übersetzung zu Michel wurde, und das finde ich geradezu lächerlich, Emil umzutaufen. Aber Sie meinen jetzt den schwedischen Namen?
 
ASTRID SURMATZ:
Ja, ich dachte an Emil und die Detektive von Erich Kästner.
 
ASTRID LINDGREN:
Genau, und wegen dieses Titels wollten sie bei Oetinger gern den Namen zu Michel ändern. Sie meinten, dass alle denken würden, dass sich der Name darauf bezöge.
 
ASTRID SURMATZ:
War das Kästner-Buch denn wirklich ein Vorbild für Ihre Bücher? Zumindest für Kalle Blomquist?
 
ASTRID LINDGREN:
Das glaube ich eigentlich nicht. Ich kannte ja Erich Kästner, ich meine, ich habe ihn auch getroffen, aber das war viel später. Da hatte ich die Bücher schon geschrieben. Und außerdem finde ich nicht, dass man einen Namen mit Beschlag belegen kann. Es kann doch mehrere Leute mit dem selben Namen geben.
 
ASTRID SURMATZ:
Sie sollen geäußert haben, dass Sie Pippi Langstrumpf heute nicht mehr so schreiben würden?
 
ASTRID LINDGREN:
Wann soll ich das denn gesagt haben? Das kann ich mir nicht vorstellen. Nein, also die Pippi ist genau richtig, genau wie sie sein soll. Das haben sich andere ausgedacht [lacht].

Ich würde sie genau so noch mal schreiben. Pippi war einfach wie sie war. Vielleicht unrealistischer als andere Figuren, wie Ronja zum Beispiel.
 
ASTRID SURMATZ:
Sie haben zu den Verfilmungen Ihrer Bücher selbst die Drehbücher geschrieben und Ihre Bücher als Theaterstücke bearbeitet. Wie stark sind da die Eingriffe, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
 
ASTRID LINDGREN:
Das hat viel Spaß gemacht. Ja, um's Theater musste man sich damals auch noch kümmern. Was sollten sie sonst im Kindertheater spielen? Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte damals einfach alles gemacht. [Lacht]
 
ASTRID SURMATZ:
Haben Sie eigentlich irgendwann den Entschluss gefasst: So, jetzt werde ich Autorin? Die Geschichte, wie Sie Ihrer kranken Tochter von Pippi erzählten und Sie dann mit verstauchtem Fuß selbst im Bett lagen und das Buch geschrieben hatten, könnte das nicht auch so eine Art Märchen sein?
 
ASTRID LINDGREN:
Nein, das war schon so. Also, den Namen Pippi, den hat sich meine Tochter ausgedacht. Das Buch erschien 1945, und da hatte es einige Jahre gelegen.
 
ASTRID SURMATZ:
Nach dem Krieg wollten Sie sich doch als Autorin einen Namen machen?
 
ASTRID LINDGREN:
Also jetzt erzähle ich die Geschichte: Ich musste mich von zwei starken Kerlen nach Hause tragen lassen, weil ich mir den Fuß verstaucht hatte. Das zwang mich ins Bett und brachte mich dazu, Pippi aufzuschreiben. Und früher zu Hause bei meinen Eltern gab es ja kaum Bücher. Ich hatte keinen Gedanken darauf verschwendet, Autorin zu werden. Ich habe zu meinem eigenen Spaß geschrieben. Das habe ich dann Karin zum zehnten Geburtstag geschenkt. Ich erzählte ihr die Geschichte, als sie krank im Bett lag. Das Buch entstand also eigentlich zwischen 1934 und 1944. Dann habe ich es zuerst beim Bonnier-Verlag eingereicht.

Es macht wirklich Spaß, zu schreiben. Und Rabén und Sjögren hatten diese Schreibwettbewerbe. Da habe ich mit Britt-Mari den zweiten Preis gewonnen. Und bevor sie den Brief aufmachten, hatten sie keine Ahnung, wer das geschrieben hatte. Schließlich bekam ich das Manuskript vom Bonnier-Verlag zurück, sie wollten es nicht. Dann habe ich es bei Rabén und Sjögren versucht. Bis Kalle Blomquist habe ich an jedem Wettbewerb teilgenommen. Das reichte auch langsam. Die Bücher kamen in schneller Folge.

Elsa [Olenius] hat dann vorgeschlagen, dass ich bei Hans Rabén arbeiten sollte. Stenographieren konnte ich ja immerhin. [lächelt]
 
ASTRID SURMATZ:
Wenn Sie Ihre Texte schrieben, hatten Sie dann im Hinterkopf, dass das ja auch Texte zum Vorlesen waren? Und dass sie Kindern vorgelesen würden?
 
ASTRID LINDGREN:
Ich glaube, ich weiß einfach, wie sie zu schreiben sind. Es gibt nicht so viele Kinderbücher, die wirklich für Kinder geschrieben sind. Schauen Sie sich doch all die Kinderbücher an, die eigentlich für Erwachsene geschrieben wurden. Nein, ich denke immer nur an das Kind in mir, wenn ich schreibe


© ASTRID SURMATZ 1996





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Tonia Karina Heinrichs Tochter Tünnissen-Hendricks
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